Nachklang

Mein Nachklang

Sonntag, den 3.

Ein Hausfrauentag mit putzen, Wäschewaschen gibt mir die Gelegenheit, etwas wieder in der neuen Situation anzukommen.

Manu und seine Tochter, ein alleinerziehender Vater

Manu und seine Tochter, ein alleinerziehender Vater

Am Hafen treffe ich Otmar, der mit einem kapverdianischen jungen Mann mit seiner Tochter sich unterhalten. Wie quirlig die Kleine ist, und wie liebevoll und geduldig er mit ihr umgeht.

Tatsächlich findet man hier kaum quengelnde du weinende Kinder. So ganz anders werden sie hier in das Leben integriert.

Die Gruppe bei Teresa ist neu zusammengestellt und bringt ausgelassene Stimmung in den Raum. Manu ist auch da und fordert mich zum Tanz auf. Ober mich nach oben begleiten solle, es ist schließlich dunkel. Ja gerne, aber nicht mehr. O.k.

Oben angekommen: ich sei so wunderschön, sein Herz sei entflammt. An seinen Augen merke ich, dass er es ernst meint. Ihn scheint es wirklich erwischt zu haben. Ob ich ihm einen Kuss geben wolle. Um beijxo. Ich gebe ihn einen der üblichen Abschieds-Wangenküsse. Nicht einen richtigen? Nein, sorry. Nein? Nein! Oh tschulpa, tschulpa, entschuldige, ich wollte nicht zu nahe kommen und dreht sich um und geht etwas zerknirscht.

Auch das liebe ich hier an den Menschen, sie respektieren ein Nein, sie sind nicht aufdringlich. Wer eine nette Nacht/Zeit haben möchte, bitte, wer nicht, dann auch gut.

Ich rufe noch in Deutschland an, ob die Rückreise gut geklappt hätte, ja alles bestens und vielen Dank, sie seien noch ganz erfüllt.

Vorm Einschlafen schaue ich unsere aufgenommen Tagesschauen an, welch eine intensive Zeit.

 

Montag, den 4.

Kein Strom, kein Wasser. Kenn ich schon, wird schon werden.

Garopa, der Edelfisch

Garopa, der Edelfisch

Ich kann einen großen Garopa am Hafen ergattern und will ihn nach ein paar Gesprächen in den Kühlschrank bringen. Komisch, im Dorf ist Strom, dann bei mir wieder auch? Nein, also liegt es am Haus. Nach ein paar Telefonaten kommt der Elektriker mit einem winzigen Köfferchen den Berg hinauf: es liegt an der Hauszuleitung. Der einfach um die Kontakten gewickelte Draht hatte sich verschoben. Nach einigem Zisch und dickem Geknister werden sie wieder fest gebogen. Nüsterklemmen? Sicherungen? Och….Geht doch auch so. Der Garopa ist gerettet.

 

Dienstag, den 5.

Strandpromenade in Ponta do Sol

Strandpromenade in Ponta do Sol

Ich sitze mit meinem Laptop an einer Hafenbar, um schon die Reise festzuhalten und aufzubereiten, als Manu mit einem erneuten Tschulpa vorbei kommt und mich Elisabeth zu einem Strandpicknick einladet. Die Vorbereitungen dauern ewig und ich werde von Hand zu Hand gereicht, damit mir die Zeit nicht zu lang wird. Dann geht es an die Flugplatzmauer, wo ein Feuer entfacht, Stockfisch mit Reis und das, was noch in der Küche aufzutreiben war, gekocht wird.

Elisabeth, wie sie leibt und lebt

Elisabeth, wie sie leibt und lebt

Noch andere Freunde würden ein Picknick machen, ob ich auch mitkommen wolle.

Fischer beim Picknick

Fischer beim Picknick

 

Einige Fischer haben ihren Fang zu einer Art Paella verarbeitet und mangels genügend Teller werden herumliegende leere Wasserflaschen aufgeschnitten und zu Löffeln und Schalen umfunktioniert. Ein bunter Haufen an unterschiedlichen Menschen, die humorvoll miteinander umgehen.

Beim Aufbruch sammelt Elisabeth den Müll ein, die Anderen schauen etwas erstaunt, machen dann aber mit. Ja, sie liebe ihr Land, und ein wenig Erziehung könne nicht schaden.

 

Mittwoch, den 6.

ruhiges Tal Ribeira de Duc

ruhiges Tal Ribeira de Duc

Ribeira da Duc

Ribeira da Duc, ein Traumtal

Mit Otmar entdecke ich ein zauberhaftes Tal, das leicht zu erwandern ist und ich gut als Einstieg für die nächste Reise nehmen kann. Das ursprüngliche hat nämlich eine Strasse bekommen und eignet sich nicht mehr dafür. Ich bin froh über die Alternative. Unterwegs spricht uns ein Bauer an. Ja, es sei schön, wenn Menschen aus fremden Ländern zu ihnen kämen, so könnten wir mehr zusammenwachsen. Seien wir nicht alle eine große Familie und müssten etwas für den Frieden in der Welt beitragen?

In der Bar, einem umgebauten Container treffen wir Totone. Er ist von seiner Reise zurück, aber völlig vergrippt. Kläglich sieht er aus. Ja auch Kapverdianer können sich erkälten. Ich drücke mein Bedauern aus, ihn heute Abend nicht singen hören zu können, wäre ich doch extra immer wegen ihm da, und wünsche ihm gute Besserung. Meine Anteilnahme freut ihn.

Mittwochs Abends im Gato Totone und Band

Mittwochs Abends im Gato Totone und Band

Bis später also.

Der Ersatzsänger, den sie gefunden haben ist gut, und Totone kämpft tapfer mit der Cavaquin und seiner Schnupfnase. Grinst aber, als ich mich freue, ihn zu sehen. Ein schöner Abend.

Die Freude, die wir geben, kehrt ins eigene Herz zurück. Das klappt hier gut.

 

Donnerstag, den 7.

Hauptstrasse in Tal Paul

Hauptstrasse in Tal Paul, auf dem Weg zu Alfred

 

Abschiedsbesuch im Curral. Es ist wie eine zweite Familie geworden. Ich sitze in der Sonne, drehe meinen Clip neu und beobachte, wie Touristengruppen orientierungslos in den Curral einmarschieren und sich umschauen, als wäre der Curral ein Zoogehege. Der Guide steht teilnahmslos daneben. So sollte man es echt nicht machen, beobachte ich jedoch immer mehr. Vielleicht nehmen wir demnächst „Touristengucken“ ins Programm auf.

Weg nach Chao cha Vaz

Taxis am Weg nach Chao cha Vaz

Da ich ja noch ein wenig wandern wollte, nehme ich mit einem lachenden und weinenden Auge Abschied und laufe die Strasse herunter. Meine alten Wanderschuhe drücken und vermiesen mir ein wenig den Weg. Prompt hält Cau mit seinem leeren Reisebus an. Er war der erste, der uns damals noch mit seinem kleinen Alunguer gefahren ist. Alfred hat ihn viel unterstützt. Mittlerweile hat er einen großen Bus und karrt die Horden durch die Gegend. Zweimal ist er mit einer Gruppe an mir vorbei gefahren, obwohl er noch Platz gehabt hatte. Beinahe hatte ich es persönlich genommen. Nun hält er an, lädt mich ein und er erzählt von den Veränderungen, die ihm auch noch nicht wirklich gefallen. Aber was soll man machen?

An einer Kreuzung, wo er die wandernde Gruppe einsammeln soll steige ich aus und gehe zu Fuß weiter. Nach ein paar Metern hält mein Taxifahrer von letzter Woche an und sammelt mich ein, nein, kein Geld, einfach so. So komme ich in Etappen gut nach Hause.

Meine Füße danken es mir. Es ist so schwer, gute Schuhe zu finden. Nächstes Mal gehe ich mit Flippflopps, schlechter kann es nicht sein.

 

Freitag, den 8.

Carlas Projekt: Casa do Encontro

Carlas Projekt: Casa do Encontro

Ich freue mich auf Carla, denn sie ist das Wochenende in Ponta do Sol und wir haben noch viel zu feiern und besprechen. Auch will ich ihr ihren Lohn in die Hand drücken, so dass sie endlich ihr Diplom bezahle kann. So kann sie vielleicht eher eine Arbeit finden. Genauso bin ich gespannt darauf, was sie zu meiner zweiten Fuhre an Gerätschaften für ihr Projekt , Casa do Encontrar, sagt. (über ihr Projekt)

 

Ich hatte es ihr zwar schon aufgezählt und ihr Gesicht strahlt: Jetzt kann es richtig losgehen. Aber es zu sehen, ist schon etwas anderes. Ich mag es so, wenn sie sich freut.

Und ich freue mich, als ich eine herzliche Mail von den Teilnehmern bekomme, wie schön es gewesen wäre und dass es wohl lange vorhalten wird.

mein Lieblingsblick

mein Lieblingsblick vom Balkon über Ponta do Sol

Wind über Ponta do Sol, Santo Antao.

Wind über Ponta do Sol, Santo Antao. Ein Blick von meiner Wohnung aus

Ich packe die Tasche, bekomme noch Besuch von Teresa und einem Kaufinteressent für die Nachbarwohnung. Er sieht meine und würde diese gerne haben, so toll ist der Ausblick. Eben, deshalb behalte ich sie auch. Aber ich wünsche mir schon, dass er Teresa eine weitere Wohnung abkauft, damit das Haus mehr bewohnt ist und nicht verfällt. Das Klima hier setzt den Gebäuden schon sehr zu.

Als Otmar und sein Wanderfreund den Weg hoch stapfen gibt es noch einmal eine Einladung zu einem Kaffee. Ja, er würde gerne diese Wohnung für die Wintermonate mieten. Ihm würde ich sie auch überlassen, einem ganz Fremden nicht. Es ist schließlich meine Zweitheimat nicht einfach so eine Ferienwohnung. Wir tauschen die Adressen aus.

frischer Fisch direkt aus dem Boot

frischer Fisch direkt aus dem Boot

Ich organisiere noch viel frischen Fisch für heute Abend, Elisabeth hilft mir dabei und überbrücke die Wartezeit mit Filme machen.

Ein wunderschöner Abend mit Carla, Fotos überspielen und viel Fisch. Sie will noch zu einer Party zum internationalen Frauentag, morgen um 6 wäre sie bei mir und würde mir Kaffee machen. So mache ich noch meine eigene Abschiedsrunde. Für mich ist es schwerer als für meine Freunde: ich käme ja bald wieder. Tja. Espero que sim, hope so.

 

Samstag, den 9.

Pünktlich kurz nach 6 kommt Carla, sie sei soo müde, schließlich hätte sie bis 4 getanzt, plumpst auf mein Bett, kuschelt sich ein und schläft. So mache ich den Kaffee.

Fähre in Porto Novo

Fähre in Porto Novo

Vittorino kommt überpünktlich und so ist der Abschied kurz aber überherzlich.

Letzte Sonne auf einer stürmischen Überfahrt.

Ich besuche noch Lino, der mich zum Essen nach Hause einlädt. Auch wenn heute sein Sohn von einem langen Auslandsaufenthalt in Portugal erst wiedergekommen ist, ist es so, als gehöre ich dazu. Wie das vermissen werde.

Als ich spät in der Nacht in einem kalten und regnerischen Lissabon ankomme und ich in deren Gesichter schaue, werde ich leicht verschnupft.

 

Sonntag, den 10.

Der Cova-Krater und ich

Der Cova-Krater und ich

Da nützt auch die Helle des Schnees nichts, durch den ich mit meinen Sandalen am Morgen in Hamburg stapfe und in meine warme Wohnung komme. Meine Übergangs-untermieterin hat beim Packen ein Chaos veranstaltet. Ich nehme es gelassen. Es ist schön, dass sie noch da ist. So packt eine aus und die andere ein. Ich winke ab, als sie berichten möchte. Schon die ersten Sätze berichten nur von Stress, der hier so läuft. Ich mag gar nicht reden, nichts von dem hören, was hier passiert ist. Aber das ist o.k. Ich habe einfach die Nase voll von der inneren und äußeren Kälte hier und möchte allen etwas Husten: Leute wacht auf, das Leben ist zu kostbar, um es zu ver-arbeiten.

Mein Körper nimmt es wortwörtlich, und so nehme ich mir guten Gewissens viel Zeit, diesen Bericht zu schreiben.

Und gar nicht schnell wieder hier anzukommen.